„Erkühne dich, weise zu sein....!“ - (F. von Schiller)
Günther Gabke
„Erkühne dich, weise zu sein! Energie des Mutes gehört dazu, die Hindernisse zu bekämpfen, welche sowohl die Trägheit der Natur als die Feigheit des Herzens der Belehrung entgegensetzen. ...“
Das vorangestellte Schillerwort mag irritieren. „Erkühne dich, weise zu sein“. Einen höheren Anspruch an das Werden und Reifen kann man den Menschen gar nicht vorgeben. Was will es uns sagen? Ein Rückblick in die Geschichte der Völker bestätigt, sie leben und verwirklichen stets das Göttliche, das sie in sich tragen oder ihnen, wie wir es seit Jahrhunderten erfahren, als solches eingegeben wird. Seit rd. zwei Jahrtausenden bestimmt jener Geist das Leben auf Erden, der im „Gotteswort“ der Christen von sich selber sagt:
„... Wie bist du zur Erde gefällt, der du die Heiden schwächtest! .... Und Satan sprach in seinem Herzen: ,Zum Himmel will ich hinauffahren, hoch über die Sterne Gottes, meinen Thron erheben, und mich niedersetzen auf den Versammlungsberg im äußersten Norden. Ich will hinauffahren auf Wolkenhöhen, mich gleichmachen dem Höchsten.“ - (Jesaja 14; 12, 14)
Dieser „Höchste“ hat sich die Mittel gegeben, über die Völker der Erde und über jene hinweg zu herrschen, (etwa im fernen Osten) die sich ihre Religion noch haben bewahren können und aus Wesenseigenem zu leben versuchen. Haben die Völker, insbesondere die unseres Kulturkreises, in heutiger Zeit die Möglichkeit, weise zu sein oder zu werden? Wurden sie vom Geist dieser Zeit doch in einen Dämmerzustand versetzt, einer Art Verdüsterung (M. Heidegger), die sich bereits mit dem Untergang der Antike ankündigte. Diese heraufbrechende Zeit empfand Plutarch als die des Göttersterbens und klagte darum. „Der große Pan ist gestorben!“ (Plutarch: „De defectu oraculorum“) Nun herrscht jener, der „sein will wie Gott“, es aber –sogar nach eigenem Bekunden– nicht ist, bis in unsere Tage. Alles Schöne dieser Welt, das Edle, Starke. dem Leben Verbundene verwirft er und macht es „zu Schanden“:
„Sondern was töricht vor der Welt, das hat Gott erwählt, daß er die Weisen zu Schanden mache, und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, daß er zu Schanden mache, was stark ist; und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, und das da nichts ist, daß er zunichte mache, was etwas ist, auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme.“ - (1. Korinther 1, 27/9)
Die Gläubigen lesen es und sind doch gebannt; denn der Herrscher dieser Epoche fand und findet seine Helfer. Alle aus vorchristlicher Zeit überkommene Weisheit wurde ausgelöscht, deren Träger über Jahrhunderte dahingemordet, „auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme.“ Wohin dieser Geist kam, wurden die weisen Frauen und Träger des Urwissens mit kriegerischer Gewalt vernichtet.
Weisheit, im aus vorchristlicher Zeit überlieferten Sinne und dem des Schillerwortes, finden wir darum nicht einmal in den Päpsten. Sie und die Kirchenoberen könnten nicht sein, was sie sind, nämlich „Vollstrecker“ des „Gotteswillen“ und könnten nicht handeln, wie sie es schon in die Seelen der Kleinkinder hineingeben:
„Du bist es, künftiger Lehrer und Erzieher, der mit seinem Wirken ... die feine Fessel um die bildsame, tonweiche Kindesseele legen wird, die Fessel, die dann unlösbar sich zeigt und unabstreifbar wie die Fenrisfessel.“ - (Kardinal Schulte bei der Einweihung der katholischen Pädagogischen Akademie in Bonn 1926.)
Diese schon in die Kinderseelen eingegebene Prägung und deren bleibende, „unlösbare und unabstreifbare“ Wirkung hatte schon Plutarch erkannt. Er schrieb:
„Die Seelen der Kinder sind dem Wachse gleich; man kann die Lehren gleich einem Siegel in dieselben eindrücken.“
Diese heutige Zeit hatte auch der Schweizer Psychologe C. G. Jung treffend beschrieben:
„Der höchste lebensspendende und sinngebende Wert ist verlorengegangen. ..... Ich weiß nur –und damit drücke ich das Wissen unendlich vieler Menschen aus–, daß gegenwärtig eine Zeit des Gottestodes und Gottesverschwindens ist. Der Mythus sagt: er werde dort nicht mehr gefunden, wo der Leib niedergelegt wurde. Der „Leib“ entspricht der äußeren sichtbaren Form, der bisherigen, aber vorübergehenden Fassung des höchsten Wertes. Der Mythus sagt nun des weiteren aus, daß der Wert in wunderbarer Weise, aber gewandelt wieder ersteht.....!“
Ein hoffnungsvolles Wort! Die Völker werden wieder danach streben dürfen, weise zu werden und weise zu sein. Was aber sagen uns die Begriffe „Weisheit“, weise werden usw.? Auch Begriffsinhalte erfahren eine Wandlung. In den vergangenen Kulturepochen und den unterschiedlichen Kulturkreisen, werden die Völker es der Zeit und ihrem Weltempfinden, sowie ihrer Wesenart entsprechend erfahren und erklärt, doch immer mit Göttlichem verbunden haben. Es fällt auf, daß in unserem Kulturkreis sogar ein „Gott“ alle Weisheit zu „Schanden“ machen will.
In unserem Gott-, Welt- und Selbstverstehen wissen wir uns dem der fernöstlichen Völker näher verbunden als dem, was mit Christlichem auf uns kam. Dort ziehen sich Personen, die Weisheit erlangen möchten, gerne in die Einsamkeit zurück und suchen zu erfahren, was ihnen zutiefst wesenseigen angehört. Wie sie, so möchten auch wir in der Gewißheit leben, zugleich mit der Weltentiefe und den aufkommenden Lebensströmen verbunden zu sein. In diesem Streben, weise zu werden, fanden und finden auch die Menschen nordischer Seele zugleich das Wesenseigene des Volkes, dem wir zugehören. Höheres kann unser Menschsein nicht erfahren, als in der eigenen Wesenstiefe und zugleich in der des Volkes leben zu dürfen.
In der griechischen Antike lebten die Völker weitgehend schicksalsergeben. Die Götter bestimmten das Leben und Schicksal der Völker. So berichten es griechische Dichtung und Philosophie. Diesem Weltempfinden durchaus nahestehend, fanden die Völker nordischer Seele ihre Götter in den Naturkräften und wußten sich ihnen verbunden. Doch alles hat seine Zeit, – auch die Bilder, die der Mensch sich in den Göttern gibt. So mag Hegel bereits Zeichen geistig-seelischen „Aufbruchs“ erkannt haben; denn in seiner Deutung des antiken Dramas schrieb er:
„Solch einem Heros könnte man nichts Schlimmeres nachsagen, als daß er unschuldig gehandelt hat. Es ist die Ehre der großen Charaktere, schuldig zu sein.“
„Schuldig“ bedeutet hier, Dahingehendes ablegen und das Göttliche, das neu in diese Welt kommen möchte, innerlich freigeben. Heroen nennen wir doch jene Menschen, die dem wahrhaft Göttlichen sehr nahekommen, anders ausgedrückt, in denen es auflebt und selbsttätig wirkt. Hegel sah ein neues Erwachen der Menschen nordischer Seele allgemein aufkommen.
Das wahrhaft Göttliche erkennen wir als die ewige Ruhe, gleichzeitig aber als beständiges Werden und Vergehen zum Neuentstehen. In den fernöstlichen Völkern mag es sich den Aspekt des Ruhenden gegeben haben. In den Völkern nordischer Seele, besonders in unserem Volk wirkt es als Bewegendes, Fortschreitendes. Wie in keinem Volk zu erkennen, haben unsere „Heroen“, die Mystiker, Dichter, die Philosophen, die Kulturschöpfer unseres Volkes deshalb um Gott, die Welt und das Hinaufstreben der Menschen gerungen.
Neben unseren Mystikern Meister Eckehart, Jakob Böhme, Nicolaus von Cues und anderen, hat vor allem Immanuel Kant das menschliche Bewußtwerden bleibend beeinflußt. Er gilt als der Schöpfer der neuen Philosophie in Fortentwicklung der antiken und des Deutschen Idealismus.
Alle Erkenntnis beginnt mit der Anschauung. Das Lebendige in dem Erschauten korrespondiert mit dem in unserem Innern, und vernunftgeleitet nehmen wir es als unser Eigen an. Was im Bewußtwerden des Menschen sich vollzieht, hat er bis in die geistig–seelischen Tiefen hinein beschrieben. Darüber weit hinausgreifend, hat er bereits die gegenseitige Beeinflussung menschlichen Denkens auf den im Weltall wirkenden Geist einerseits und des Weltgeistes auf das Denken und Handeln des Menschen hier auf Erden andererseits erkannt und so klar beschrieben, daß sogar die Quantenphysik sie nur bestätigen kann. Für diese sich gegenseitig beeinflussenden Wirkungen prägte er den Begriff der „Apperzeption“. Das Leben und Weben im Kosmos, das unsere Mystiker und Dichter innerseelisch wahrgenommen haben, weil sie sich als Teil desselben wußten, sehen wir nun bis in die Verstandesebene hinaufgehoben.
Das ist der Mensch in seiner Größe, das könnte er sein oder werden, wenn er seines Wesens leben dürfte. Lesen wir doch schon bei Sophokles: „Nichts ist gewaltiger als der Mensch!“
Das vorangestellte Schillerwort ist an uns gerichtet. Es soll nicht vergebens gesprochen sein. Was also bedeutet „Weisheit“ und was, danach zu streben, weise zu werden? Es kann kürzer und treffender nicht ausgedrückt werden, und wir erkennen: Es erlangt sogar Allgemeingültigkeit: Erkühne dich, Du selbst zu sein. (Schiller) Erkühne Dich, Du selbst zu sein! Das heißt, im Wesenseigenen und im Seelen- und Geistesfeld unseres Volkes sowie im Einklang mit dem Weltenwillen zu leben. Mehr kann der Mensch nicht erwirken. Das ist die neue Menschwerdung, leben in völliger Einheit mit dem wahrhaft Göttlichen!
In unseren Kulturschöpfern sehen wir es vorgelebt. Trotz des zweitausendjährigen Geistes-, Seelen- und Gottesmordes setzten sie ihr Leben daran, uns das zutiefst Wesenseigene bewußt zu machen. Es wurde zum Inhalt ihres Lebenswerkes. Wirkt das wahrhaft Göttliche am reinsten und unverfälschten nicht in jenen Menschen, die es erwirken und sich dessen nicht einmal bewußt sind! Am 18.2.1793 schrieb Friedrich von Schiller:
„Es ist gewiß von keinem sterblichen Menschen kein größeres Wort noch geschrieben worden als dieses Kantische, was zugleich der Inhalt seiner ganzen Philosophie ist: „Bestimme dich aus dir Selbst“.
Und an anderer Stelle:
„Nichts ist einer großen Seele unerträglicher, als Ungerechtigkeit zu dulden.“ - (Schiller in „Die Sendung Moses“)
Noch einmal: Das Schillerwort ist an uns gerichtet. Es soll nicht vergebens gesprochen sein.
„Erkühne dich, weise zu sein! Energie des Mutes gehört dazu, die Hindernisse zu bekämpfen, welche sowohl die Trägheit der Natur als die Feigheit des Herzens der Belehrung entgegensetzen. ...“
„Feigheit des Herzens“, das ist eine Erscheinung dieser Zeit. Und doch ist es so leicht, sich abzusetzen von ihren Verführungskünsten. Es ist so leicht, daß es uns im Grunde gar nichts abverlangt. Es bedarf nicht einmal besonderen Mutes, sondern nur des Erkennens und des Willens, nicht länger Opfer der List und Heuchelei zu sein, die diese Zeit kennzeichnen. Wir brauchen nur gewisse Erscheinungen zu hinterfragen und nachzudenken. Nicht nur im Sinne Kants, sondern um unserer selbst willen und unserer Bestimmung zu folgen, sollen wir doch Gestalter bzw. Mitgestalter des Schicksals sein.
Ist uns doch gesagt. „Der Wert“, den wir in unserer Seele tragen und als Göttliches empfinden, will „in wunderbarer Weise, aber gewandelt wieder erstehen“ (C.G. Jung). Ob wir wollen oder nicht, dem können wir uns nicht entziehen. In Nietzsches Ausspruch: „Gott ist tot!“ schwingt denn auch nichts von jener Klage des Plutarch, sondern Freude. Es ersteht eine neue Ordnung. Er, der neue Gott, erwacht im Innern des Volkes und wird sich wieder zur Höhe des Himmels erheben, das heißt, bis zur höchsten Bewußtseinsklarheit.
Da lebt etwas in unserem Innern, das uns Zugang gibt und Einblicke gewährt in die ganze Weite und Tiefe dieser Welt. Es ist ein Unauslöschliches und Dauerndes. Darum ermahnt uns wiederum Friedrich Schiller. Der Mensch wird sich sodann seiner Freiheit bewußt werden und schließlich erkennen, daß er „die Anlage zum Göttlichen unwidersprechlich in seiner Persönlichkeit trägt“.
Weise im Sinne der Weisen unseres Volkes geworden und im Welten- willen zu wirken, das wird die beglückende Erfahrung wahren Menschtums sein. Das nachstehende Wort gibt uns bereits einen Einblick und will wohldurchdenkend gelesen sein:
„... Dann wird unser Glaube an die Allmacht des Geistes zur Offenbarung werden; denn das Innere der Erkenntnis wird auf der Erde anbrechen, die böse Nacht wird in einer Morgenröte zergehen, die einen hellen und freudenreichen Tag verkündet. Der Mensch wird stark und freudig sein. .....
Er wird unschuldig und lebensvoll sein; denn man wird nicht mehr Schwachheit anbeten, sondern man wird sich des Ebenbildes Gottes bewußt sein und aufrecht schreiten. ....
Und es wird ein Mensch sein, dem Zeit ist die Ewigkeit und Ewigkeit die Zeit. …Er wird wissen, daß die Vergänglichkeit nichts ist als Verwandlung des ewigen Lebens, und er wird unerschüttert darin stehen. .....
Denn der Mensch ist so groß, als er will. Die Qual wird von ihm genommen werden durch ihn selbst. Denn wie es nichts Höheres gibt als die Seele, so gibt es auch nichts, das sie zerbrechen kann. Es ist alles unter ihr und in ihr. Drum mag die Welt toben mit ihren Schauern und ihrer Qual. Der Mensch ist mächtiger als sein Schicksal. .....“ - (Jakob Böhme)
Mensch werde wesentlich:
Denn wenn die Welt vergeht,
so fällt der Zufall weg,
das Wesen, das besteht.
Angelus Silesius
